Antrag: Dem Auftreten von klimabedingten Pflanzenkrankheiten angemessen begegnen – Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade entwickeln

Fraktion der SPD
Fraktion Bündnis 90 Die Grünen

Der Landtag wolle beschließen:

Entschließung

Niedersachsen ist bundesweit bei vielen Ackerfrüchten führend in Anbau und Vermarktung. So liegt Niedersachsen 2024 bspw. mit einer Zuckerrübenanbaufläche von 118.500 ha und beim Kartoffelanbau mit 133.800 ha vorn, in der Liste der deutschen Bundesländer. Beim Möhrenanbau belegt unser Bundesland mit etwa 2.220 ha Platz zwei und auch von der Roten Bete werden jedes Jahr hunderte Hektar angebaut. Der Hackfruchtanbau ist somit ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Agrarwirtschaft Niedersachsens und trägt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stärke und Stabilität der regionalen Landwirtschaft bei.

All den vorgenannten Pflanzen ist jedoch gemein, dass sie potentiell durch die rasche Ausbreitung des durch Bakterien verursachten Krankheitskomplexeses SBR/Stolbur bedroht sind. Die Übertragung erfolgt dabei durch die Schilf-Glasflügelzikade (SGFZ) und beeinträchtigt vor allem die Qualität des Gemüses, bis hin zur Unbrauchbarkeit, was weitreichende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen kann.

Die zunehmende Verbreitung dieser Krankheit, begünstigt durch klimatische Veränderungen, die die Lebensbedingungen für die Zikade verbessern, stellt eine ernstzunehmende Gefahr für die Produktivität und Wirtschaftlichkeit im Hackfruchtanbau dar. Besonders in Niedersachsen könnten die Auswirkungen verheerend sein, wenn sich die Bakterien weiter ausbreiten. Jüngste Studienergebnisse aus Süddeutschland haben zudem gezeigt, dass auch mehrjährige Kulturen wie Spargel (insbesondere bei Folienabdeckung) und Rhabarber als dauerhafte Vermehrungsorte der Glasflügelzikade dienen. Auch wenn bisher beim Spargel keine Ernteausfälle zu verzeichnen waren, so stellt dies doch im bedeutenden Spargelland Niedersachen eine weitere schlechte Nachricht dar. Denn ein Teil der Bekämpfungsstrategien zielt auf die Entziehung der Habitate und der Nahrungsgrundlage der Zikaden ab. Zudem kritisieren der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund sowie einige Umweltverbände zurecht die Erteilung von Notfallzulassungen neonicotinoidhaltiger Pflanzenschutzmittel durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

Ohne effektive Gegenmaßnahmen riskieren wir jedoch signifikante Ertragseinbußen und langfristige Schäden für die Landwirtschaft und die zugehörigen Verarbeitungsindustrien. Die Europäische Entwicklungsbank (EIB) kommt in einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Untersuchung zu dem Ergebnis, dass schon heute Milliardenverluste in der Pflanzenproduktion aufgrund des Klimawandels zu verzeichnen sind. Bei einem unveränderten Fortschreiten würde dies im Jahr 2050 EU-weite Einbußen von fast 30 Mrd. Euro jährlich bedeuten, die zu großer Instabilität von landwirtschaftlichen Erträgen und Einkommen führen werde.

Vor diesem Hintergrund bittet der Landtag die Landesregierung,

  1. die Herausforderungen für die Landwirtschaft durch die Klimakrise, insbesondere für den Bereich Pflanzenbau/Phytopathogene systemisch zu betrachten und nach ganzheitlichen Lösungen zu suchen,
  2. sich beim Bund für die Intensivierung der Forschung und Entwicklung einzusetzen, insbesondere von Forschungsprojekten, die sich auf die Entwicklung von resistenten Gemüsesorten konzentrieren sowie auf Projekte, die sich auf Schutzmaßnahmen gegen die Schilf-Glasflügelzikade beziehen,
  3. begleitend Studien zur ökologischen Auswirkung dieser Maßnahmen auszuwerten, um sicherzustellen, dass diese langfristig nachhaltig sind, und dabei auch Erfahrungen aus Süddeutschland mit einfließen zu lassen,
  4. in Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen/gewerblichen Akteuren die Notwendigkeit von Aufklärungskampagnen in den Regionen zu prüfen, die von der Stolbur-Krankheit besonders betroffen sein werden. Ziel dieser Kampagnen ist es, Landwirtinnen und Landwirte umfassend über die Symptome dieser Krankheit sowie sobald möglich über wirksame Bekämpfungsstrategien zu informieren,
  5. das landesweite SGFZ-Monitoring weiterhin sinnvoll auszuweiten,
  6. die Zuckerwirtschaft und andere Produktionszweige im Hackfruchtbereich bei der Forschung und Erprobung umweltverträglicher Ansätze zur Bekämpfung der Zikaden im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel zu unterstützen,
  7. sich auf Bundesebene für eine bedarfsgerechte Zulassung von neonicotinoidfreien, nicht bienengefährdenden Insektiziden für die Bekämpfung adulter Zikaden einzusetzen,
  8. regionale und betriebliche Innovationen bei der Entwicklung von nachhaltigen Strategien zur Bekämpfung der Zikaden zu unterstützen und nach Möglichkeit finanziell zu fördern,
  9. Pflanzenbauliche Maßnahmen, zur Vorbeugung von bakteriellen Infektionen von Wirtspflanzen, bspw. durch punktuelle Schwerpunktverlagerungen innerhalb des Versuchswesens der Landwirtschaftskammer zu stärken, und deren Implementierung in der Praxis zu unterstützen.

Begründung

Auch wenn das Befallsniveau derzeit noch überschaubar ist, sieht sich Niedersachsen einer neuen und gravierenden Bedrohung gegenüber: Infektionen mit ‚Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus‘ und dem Stolbur-Phytoplasma ‚Candidatus Phytoplasma solani‘, können zu massiven Ertragseinbußen, bis hin zum Totalausfall, führen. Die beiden bakteriellen Erreger dieser Krankheiten werden  durch die Schilf-Glasflügelzikade übertragen. So kommt es, dass die betroffenen Rüben bzw. Knollen und Wurzeln gummiartig werden, was ihnen den Namen "Gummirüben" eingebracht hat. Die betroffenen Pflanzen erleiden erhebliche Einbußen, bspw. in der Zuckerproduktion und zeigen eine deutlich reduzierte Wachstumsrate sowie eine verminderte Saftqualität, was letztendlich zu signifikanten finanziellen Verlusten führt. Die rasche Ausbreitung der Krankheit in den letzten Jahren, insbesondere im süddeutschen Raum, hat alarmierende Ausmaße angenommen. Begünstigt durch klimatische Veränderungen, die eine Ausdehnung des Lebensraums der Zikaden nach Norden mit sich bringen, erweitert sich auch das Infektionsgebiet stetig. Dies stellt eine direkte Bedrohung für die landwirtschaftliche Produktivität und wirtschaftliche Stabilität der Region dar.

Die Intensivierung der Forschung ist dringend geboten, um resistente Sorten zu entwickeln, die den Ertrag und die Qualität der Zuckerrüben auch unter Befallsbedingungen sichern können. Gleichzeitig müssen wirksame und nachhaltige Schutzmaßnahmen gegen die Überträger der Krankheit, die Schilf-Glasflügelzikaden, gefunden werden. Es ist ebenfalls von großer Bedeutung, die ökologischen Auswirkungen dieser Maßnahmen zu erforschen, um sicherzustellen, dass die Bekämpfungsstrategien das ökologische Gleichgewicht nicht zusätzlich gefährden.

Dabei müssen die Landwirtinnen und Landwirte dringend über die Symptome der Krankheit und sobald es möglich ist, über die Möglichkeiten ihrer Bekämpfung informiert werden. Dies ist besonders wichtig, da frühzeitiges Erkennen und Handeln die Verbreitung der Krankheit eindämmen kann. Hierfür sind zielgerichtete Aufklärungskampagnen in den am stärksten betroffenen Gebieten erforderlich.

Zurück zum Pressearchiv