ADHS: Information statt Schuldzuweisung!

Leserbrief von Ina Korter zum Artikel: "Busemann: Arznei ersetzt Zuwendung nicht" (NOZ vom 08.03.05)...

Leserbrief von Ina Korter zum Artikel: "Busemann: Arznei ersetzt Zuwendung nicht" (NOZ vom 08.03.05)
Medikamente können die gegenüber Kindern notwendige Zuwendung nicht ersetzen! Insofern hat Niedersachsens Kultusminister Busemann mit seinem Hinweis auf den deutlich gestiegenen Verbrauch von Ritalin, einem Medikament gegen das sog. "Zappelphilippsyndrom" Recht.
Pauschale Vorwürfe des Kultusministers an die Eltern, sie erzögen ihre Kinder falsch, ließen es an der notwendigen Zuwendung fehlen und ihre Kinder stattdessen vor Fernseher und PC verkümmern, sind jedoch völlig deplaziert. Experten sehen die Ursachen der Störung in einem genetisch bedingten Ungleichgewicht verschiedener Botenstoffe im Gehirn. Wenn die ein bestimmtes Maß überschreitet, ist Behandlung nötig.
Sofern es Herrn Busemann wirklich darum geht, beim ernsthaften Problem des Aufmerksamkeits-Defizit (ADHS)-Syndroms bei Kindern etwas voranzubringen, dann ist es viel zu wenig, es bei einer Presseerklärung mit erhobenem Zeigefinger bewenden zu lassen.
Notwendig wäre vielmehr eine Expertenanhörung, in deren Rahmen der aktuelle medizinische Wissensstand zusammengetragen und mit Wissenschaft und Praktikern darüber beraten wird, welche konkreten Hilfen Eltern und Lehrern beim Umgang und vor allem beim Erkennen von ADHS an die Hand gegeben werden können.
Bei ADHS ist eines der schwierigsten Probleme die Diagnose! Insofern ist es erforderlich, dass Diagnose und Erstverschreibung von Medikamenten ausschließlich von Fachärzten vorgenommen werden. Auch in der Lehrerausbildung sollte das Thema eine größere Rolle spielen.
Kultusminister Busemann selbst hat jedoch dafür gesorgt, dass sich die Probleme vor allem an Grundschulen weiter verschärfen: Mit der seit dem laufenden Schuljahr bereits nach Klasse 4 vorgenommenen Auslese in Gymnasien, Haupt- und Realschulen hat er den Leistungsdruck erheblich verstärkt. Größere Klassen führen dazu, dass Lehrerinnen und Lehrer immer weniger Zeit für das einzelne Kind haben. Außerdem sind Kürzungen in der schulpsychologischen Beratung, von denen vor allem Stadt und Landkreis Osnabrück betroffen sind, ein Weg in die falsche Richtung!
Die für unsere Schulen politisch Verantwortlichen, allen voran der Kultusminister, müssen Eltern und Lehrern beim Umgang mit unkonzentrierten und "zappeligen" Kindern helfen und dürfen vor allem die Ursachen für diese Verhaltensauffälligkeiten nicht selbst noch verschärfen. Information und Beratung heißt das Gebot, nicht Schuldzuweisung!
Gez.
Ina Korter, schulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

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