"Kein Kind darf zurückbleiben", "Kein Kind darf beschämt wer-den"

Rede von Ina Korter auf dem Frühjahrsempfang der Stiftung Leben und Umwelt am 13. April in der Tellkampfschule in Hannover...

"Kein Kind darf zurückbleiben", "Kein Kind darf beschämt werden",
diese Leitsätze der skandinavischen Schule sind inzwischen auch bei uns in aller Munde.
Leider führt dieser große Erfolg aber auch dazu, dass diese Sätze zunehmend beliebig und sinnentleert zitiert werden.
Das Erfolgsgeheimnis der Schulen in Finnland und Schweden liegt ganz sicher in ihrer Philosophie, Schule vom Kind aus zu denken. "Hyvin voiva", sagen die Finnen.
Das heißt: Die erste Aufgabe der Schule besteht darin, für das Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler zu sorgen.
Das fängt an mit freundlichen, von den Schülerinnen und Schülern mitgestalteten Gebäuden.
Das geht damit weiter, dass für alle Kinder eine warme Mittagsmahlzeit selbstverständlich ist.
Dazu gehört, dass in den Schulen neben den Lehrkräften auch PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und Schulschwestern tätig sind, die sich um das Wohlergehen der Kinder kümmern, weil klar ist, dass nur Kinder gut lernen können, denen es auch körperlich und seelisch gut geht.
Und diese skandinavische Philosophie drückt sich natürlich aus in einer Pädagogik, der es darum geht, alle Kinder zu fördern und kein Kind zu beschämen oder zurückzulassen.
Wie anders sehen da unsere Schulen häufig aus!
Schon die Gebäude und die Klassenräume sind oft eher trostlos und zeigen deutliche Spuren von der Ebbe in den öffentlichen Kassen.
Sie zeigen aber ebenso Spuren von Lieblosigkeit, die in zahlreichen Schulen herrscht.
Viele Kinder haben sieben oder sogar acht Stunden Unterricht ohne richtige Mittagspause oder gute Mittagsverpflegung.
Das wird in den nächsten Jahren noch zunehmen, weil die Landesregierung die Schulzeit bis zum Abitur verkürzt, aber dafür die Wochenstundentafel in den Gymnasien auf bis zu 34 Pflichtstunden aufgestockt hat.
Zugleich weigert sich die Landesregierung, die Schulen zu pädagogisch gestalteten Ganztagsschulen weiterzuentwickeln.
Und nach der jüngsten Schulstrukturreform werden jetzt die Kinder schon im Alter von 10 Jahren auf weiterführende Schulen verteilt.
Für viele ist das nur ein Schulbesuch auf Probe, denn die Landesregierung setzt ganz unverhohlen darauf, dass ein erheblicher Anteil der Kinder, deren Eltern sich erst einmal für Gymnasium oder Realschule entschieden haben, binnen kurzem diese Schule wieder verlassen und auf weniger anspruchsvolle Schulformen wechseln werden.
Schon bisher ist unser Schulsystem davon gekennzeichnet, dass mehr als ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler ein massives Scheitern erleben, dass sie sitzen bleiben oder sogar abgeschult werden. Von dem Leitsatz "Kein Kind darf beschämt werden" ist in unserem Schulalltag wahrlich wenig zu bemerken. Und wir fürchten, dass es in der Schulstruktur der derzeitigen Landesregierung noch schlimmer werden wird.
Die Konsequenz aus PISA scheint hier vor allem darin zu bestehen, dass noch mehr Druck ausgeübt wird auf die Schülerinnen und Schüler und immer früher aussortiert wird.
Die Folge ist ein Anstieg psychosomatischer Störungen bei Kindern.
Die skandalös hohe Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist so nicht zu verringern, die soziale Auslese unseres Bildungssystems wird auf diese Weise immer weiter zementiert.
Reinhard Kahl hat mit vielen Mut machenden Reportagen und Filmen gezeigt, dass eine bessere Schule möglich ist. Er hat dabei immer wieder auf die große Verantwortung hingewiesen, die den Lehrerinnen und Lehrern zukommt.
Frau Dr. Kaienburg hat uns eindrucksvoll das pädagogische Engagement an der Tellkampfschule dargestellt.

Anrede,
Es ist richtig:
Eine gute Schule kann nur von unten her aufgebaut werden. Ein besseres Schulleben kann nur von den Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern und von den Eltern selbst entwickelt werden.
Aber das kann die Politik nicht von der Verantwortung entbinden, für die geeigneten Rahmenbedingungen zu sorgen.
Deshalb haben wir unser Konzept einer neunjährigen Basisschule entwickelt.
Im Mittelpunkt dieser Schule steht eine neue Lernkultur, die nach skandinavischem Vorbild der Individualität jeden Kindes gerecht wird.
Jedes Kind, das in die Schule kommt, ist einzigartig mit besonderen Stärken und Schwächen.
Jedes Kind hat eigene Vorerfahrungen, hat seine Art, an die Dinge heranzugehen, hat sein persönliches Lerntempo.
Wir wollen, dass die Schule dieser Verschiedenartigkeit des Lernens gerecht wird – durch Förderung des selbständigen Lernens jedes einzelnen Kindes.
Und wir wollen, dass diese Verschiedenartigkeit für das Lernen in der Schule fruchtbar gemacht wird, dass die Kinder nicht nur vom Lehrer, sondern vor allem gegenseitig von einander lernen – z.B. in altersgemischten Gruppen. Hier helfen die Starken den Schwächeren, die Schnellen den Langsameren und alle profitieren davon: Wer Lücken und Schwächen hat, kann sich verbessern – Leistungsstarke gewinnen durch Erwerb von Sozial- und Vermittlungskompetenz.
Dieser Ansatz hat natürlich Konsequenzen für die Schulstruktur.
Wer jedes Kind mitnehmen will, wer die Unterschiedlichkeit anerkennen und nutzen will, kann nicht gleichzeitig die Kinder ständig sortieren, kann nicht ständig in Frage stellen, ob die Schülerin oder der Schüler in seiner Klasse oder seiner Schule noch richtig am Platz ist.
Wer seine Schülerinnen und Schüler fördern und nicht beschämen will, muss zu ihnen sagen:
Ja, hier bei uns bist du richtig! Hier werden wir dich dabei unterstützen, deine Möglichkeiten optimal zu entfalten!
Wir wollen deshalb, dass alle Kinder neun Jahre lang eine gemeinsame Schule besuchen, die auf einem Kindergarten mit echtem Bildungsauftrag aufbaut und natürlich Ganztagsschule ist.
In dieser Schule gibt es kein Sitzen bleiben, ein lernfreundliches Klima motiviert und fördert die Leistungsfreude.
Niemand wird beschämt, Leistungsrückmeldungen und –beurteilungen erfolgen auf Grundlage individueller Lernentwicklungsberichte, Elterngespräche, Portfolios und Lernberatung.
Damit wir diese neue Lernkultur entwickeln können, müssen wir natürlich auch die Lehrerinnen und Lehrer unterstützen.
In ihrer Ausbildung sind sie bislang noch kaum darauf vorbereitet, mit heterogenen Lerngruppen umzugehen.
Besonders den Lehrkräften an Gymnasien und an Realschulen fehlt hierfür noch weitgehend das Handwerkszeug.
Die Arbeit mit heterogenen Lerngruppen muss deshalb in den Mittelpunkt der Lehrerausbildung und auch der Lehrerfortbildung treten.
Und die Schulen müssen auch anders ausgestattet werden. Wie in Skandinavien müssen in den Schulen neben den Lehrkräften andere Fachkräfte tätig sein.
Es geht dabei nicht nur um zusätzliche Mittel, sondern um bessere Kooperation.
Sicher, die höhere Wertschätzung der Schule drückt sich in Skandinavien nicht nur darin aus, dass der Lehrerberuf dort angesehener ist als bei uns, sondern auch darin, dass ein größerer Anteil des Bruttoinlandsproduktes für die Bildung zur Verfügung gestellt wird.
Es kommt aber nicht nur auf mehr Mittel an, sondern auch auf bessere Zusammenarbeit und mehr Verantwortlichkeit aller am Schulleben Beteiligten.

Bei uns gibt es die Schule, daneben den Hort, die Jugendhilfe und daneben den Gesundheitsdienst für Kinder und Jugendliche.
Wenn alle diese Angebote mehr zusammengeführt würden, mehr hineingeholt in die Schulen als Häusern des Lernens, dann wäre für die Kinder und Jugendlichen schon eine Menge gewonnen.
Dazu gehört aber auch, dass alle Schulen sich stärker verantwortlich fühlen für die Qualität von Unterricht und Schulleben und sie die dazu nötigen Freiräume und Unterstützungen erhalten. Sie sind verantwortlich für ihr Qualitätsmanagement und stellen sich der Evaluation von außen.
Eine Basisschule, wie wir sie anstreben, öffnet sich zum Stadtteil oder der Gemeinde hin, arbeitet mit Betrieben, Institutionen in der Nachbarschaft zusammen, bezieht Menschen, die sich in der Schule engagieren wollen, alte und junge, mit ein.
Ihre Struktur ist demokratisch, die Teilhabe aller Beteiligten ist uns wichtig.
Bis wir zu einer solchen neuen Schule kommen, ist es vielleicht ein langer Weg.
Aber wir sind überzeugt, dass wir hierfür – auch mit Unterstützung der Stiftung Leben und Umwelt – mehr und mehr Verbündete finden.
Ich danke deshalb der Stiftung auch dafür, dass sie das Thema Bildung dieses Jahr in den Mittelpunkt ihres Frühjahrsempfangs gestellt hat.

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